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Standpunkt: PPP-Projekte zum Ausbau von Gesundheitsinfrastruktur

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Interview mit Geoffrey Hamilton (Chief, Cooperation and Partnership Section, UNECE) und Thomas Alberghina (Teamleiter Infrastruktur, KfW IPEX-Bank).

Die Vereinten Nationen (UN) haben mit der Agenda 2030 17 Zielsetzungen formuliert, die der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene dienen sollen. Diese Sustainable Development Goals (SDGs) gelten für alle Staaten, nicht nur für Entwicklungsländer. In der Ausgestaltung der Ziele wird die Bedeutung der Menschen, welche „"das Zentrum einer nachhaltigen Entwicklung sind", betont. UN und KfW IPEX-Bank sehen große Potenziale zur gemeinsamen Erreichung von SDGs.

Geoffrey Hamilton
Geoffrey Hamilton
Geoffrey, in welchem Themenfeld muss Ihrer Meinung nach dringlich etwas passieren?

Es gibt viele Themenfelder, die eine enorme Bedeutung für nachhaltige Entwicklung und die Menschen auf unserem Planeten haben. Die Sustainable Development Goals (SDGs) der UN reichen von Armuts- und Hungerbekämpfung, über Zugang zu Bildung und Trinkwasser, Schutz des Lebens im Wasser und an Land, Energie, Arbeitsbedingungen, verantwortungsbewusster Konsum und Produktion, u.v.m.

Ich engagiere mich insbesondere für den Ausbau von Gesundheitsinfrastruktur als wichtiges Themenfeld für die Verbesserung der universellen Gesundheitsversorgung. Die UNECE hat das internationale PPP-Exzellenzzentrum mit spezialisieren Zentren in verschiedenen Sektoren und Regionen geschaffen. Zu diesem Zweck wurde Deutschland als perfekter Standort für Gesundheit und Pharma identifiziert. Wir freuen uns über die Initiative, ein spezialisiertes UNECE PPP-Exzellenzzentrum für nachhaltige Gesundheitsversorgung in Frankfurt am Main anzusiedeln.

Thomas Alberghina
Thomas Alberghina
Thomas, ist bei solchen sozialen Zielen überhaupt ein Ansatz für eine kommerzielle Bank wie die KfW IPEX-Bank zu sehen?

Absolut! Gerade die KfW IPEX-Bank unterstützt ausdrücklich Projekte, die zur Verbesserung der Lebensbedingungen beitragen. Wir sind eine 100%ige Tochtergesellschaft der deutschen Förderbank KfW, die sich selbst als Bank aus Verantwortung versteht. Und wir in der KfW IPEX-Bank setzen diese Verantwortung in unseren Finanzierungen fort - auch im Bereich des Ausbaus von Infrastrukturen im Gesundheitsbereich, wie beispielsweise unsere Finanzierungen für den Neu- und Ausbau von Krankenhäusern zeigen.

SDG Nr. 3 will den Zugang zu einer besseren Gesundheitsversorgung der Weltbevölkerung ermöglichen. SDG Nr. 17 will globale Partnerschaften stärken, die zur Erreichung dieses Weltzukunftsvertrags nötig sind. Denn ohne starke Partner lässt sich keines der Ziele umsetzen.

Aufklärungsveranstaltung zur AIDS-Problematik in einem Krankenhaus
Geoffrey, was verstehen Sie unter solchen "Partnerschaften“" für Ihren Bereich der Gesundheitsversorgung? Welches ist die Rolle des öffentlichen, welche die des privaten Partners – und welche die der Banken wie der KfW IPEX-Bank?

Eine effiziente und wirtschaftlich nachhaltige Verbesserung der Gesundheitsversorgung kann nur mit Hilfe von privaten Unternehmen gelingen. Innovative Partnerschaften sind gefragt, die den Menschen Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Versorgung zu bezahlbaren Preisen ermöglichen. Was öffentliche Stellen hier leisten können, reicht nicht aus, um den Bedarf im Gesundheitsbereich zu decken.

Gerade in armen und benachteiligten Ländern ist der Investitionsbedarf für Gesundheitsinfrastruktur extrem hoch. Private Finanzierer brauchen Finanzierungsanreize, damit die immensen finanziellen Mittel, die langfristig gebraucht werden, auch bereitgestellt werden. Es ist ebenso wichtig, die hohe Kompetenz der Privatwirtschaft in den Bau, den Betrieb und den Unterhalt der Gesundheitsinfrastruktur sinnvoll einzubinden. Gesundheitsprojekte sollten zuerst auf die Menschen abzielen, "People first", und somit die Menschen in den Vordergrund stellen. Ziele sollten sein: Zugang zu grundlegenden Gesundheitsleistungen für alle, Gleichheit in der Patientenversorgung, ökologische Nachhaltigkeit der Gesundheitsinfrastruktur, wirtschaftliche Effizienz, Replizierbarkeit und Einbeziehung aller Parteien.

Thomas, langfristige Partnerschaften zur Deckung eines gewaltigen Finanzierungsbedarfs sind Ihnen nicht unbekannt. Oder?

Die KfW IPEX-Bank lebt als Relationship-Bank selbst langfristige Partnerschaften. Das Finanzieren von mittel- bis langfristigen Projekten gehört zum Kern unseres Geschäftsmodells. Längere Laufzeiten schrecken uns zunächst nicht ab. Für Projekte in den ärmeren Ländern brauchen wir allerdings tragbare Formen der politischen Risikoabsicherung.

Thomas, gibt es denn Finanzierungsmodelle die so lebenswichtige Infrastrukturen wie die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung verlässlich begleiten können?

Aber ja. Als eine besondere Form solcher langfristigen Finanzierungsstrukturen entwickeln sich die Public-Private-Partnerschaften (PPP), eine Verbindung zwischen dem öffentlichen Sektor, der Privat- und der Finanzwirtschaft. Ein komplexes, aber sehr erfolgreiches Konstrukt - vom Modell her nahezu egal in welchem Land. Der Clou liegt nämlich dabei u.a. darin, dass die Risiken auf diejenigen Marktteilnehmer verteilt werden, die sie letztendlich auch beeinflussen können. Zum Beispiel die Bauwirtschaft während der Errichtungsphase eines Krankenhauses. Oder ein Klinikbetreiber während der Nutzung der Einrichtung. So werden die Anreize an den richtigen Stellen gesetzt, um optimale, kostengünstige und qualitativ hochwertige sowie zuverlässige Ergebnisse über die gesamte Laufzeit des Projekts zu erzielen.

Für eine Würdigung von PPP als Beschaffungsvariante ist es zudem wichtig zu verstehen, dass diese die Komplexität von umfangreichen Infrastrukturmaßnahmen transparent macht. Bau und Betrieb müssen zusammen geplant und nicht getrennt angegangen werden, wie das bei der konventionellen Beschaffung der Fall ist. Oft kann dabei das erbaute Gebäude nicht optimal betrieben und instand gehalten werden. Dafür bedarf es allerdings erfahrene öffentliche Auftraggeber.

Banken spielen bei solchen PPP-Finanzierungen insofern eine wichtige Rolle, indem sie eine Kontrollfunktion ausüben, da sie zusammen mit Beratungsfirmen den Bau und Betriebsprozess begleiten.

Ergänzung durch Geoffrey:

Wir sehen seitens der UN im Modell PPP auch durchaus einen geeigneten Lösungsweg, um Gesundheitsinfrastruktur verlässlich bereit zu stellen – und zwar für die Menschen, die sie benötigen. Wir definieren deshalb den PPP-Ansatz auch neu und betonen ihn mit "People First PPP". Wir unterstreichen "value for people" und nicht nur "value for money".

Krankenschwester in einem Krankenhaus
Geoffrey, was verstehen Sie unter People First PPP? Ist das nicht nur ein neuer Name für bisherige PPP-Strukturen?

Nein, überhaupt nicht. Typischerweise wurden viele PPPs eingegangen, um gegenüber herkömmlichen öffentlichen Beschaffungsprozessen ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis zu erreichen, also "value for money". Sie wurden oft allein aus diesem Grund entwickelt. Dieses neue Modell der PPP ist mehr auf Ergebnisse im Bereich der nachhaltigen Entwicklung ausgerichtet. Zur Erreichung der von der UN aufgestellten SDGs stellt es den Menschen in den Mittelpunkt.

Nur um ein Beispiel zu nennen, PPP Managementverträge wurden erfolgreich bei Hämodialyseprojekten in Niedrigeinkommensländern angewendet. Dadurch erhielten Menschen Zugang zu dieser wesentlichen Versorgung, die ansonsten aufgrund fehlender Mittel gestorben wären. Diese Art von Projekten sollte dringen in weiteren Ländern repliziert werden.

Thomas, kann ein kommerzieller Finanzierungspartner da wirklich mitgehen?

Durchaus. Die Unterstützung öffentlicher Daseinsvorsorge und besonders die Gesundheitsvorsorge gehört seit Jahrzehnten zu unseren Kerngeschäften. Mit der öffentlich-privaten Partnerschaft haben wir schon zahlreiche gute Erfahrungen gemacht, wie die Beipiele Nova Karolinska Hospital in Schweden, Universitätskrankenhaus Schleswig Holstein in Deutschland und viele andere Krankenhausprojekte in UK und auch in Österreich zeigen.

Dabei liegt es am öffentlichen Auftraggeber zu definieren, welchen Zweck das Projekt verfolgen soll und welche Ziele dabei im Vordergrund stehen. Wenn die privaten Firmen mit dem Bau und dem Betrieb der Gesundheitsinfrastruktur die gewünschten Ziele der öffentlichen Hand erreicht haben, ist es nur fair, wenn die Unternehmer angemessen entlohnt werden. Nur durch eine solch vertrauensvolle Partnerschaft zwischen Staat und Privatwirtschaft bleibt das Interesse an diesem Modell bestehen.

Die Vorteile für alle Parteien – öffentliche Verwaltungen, Privatwirtschaft und Gesellschaft - liegen auf der Hand.

Geoffrey, sehen Sie SDG 3 und 17 als quasi schon erreicht an?

Leider nein. Die Überzeugungsarbeit für das komplexe Beschaffungsmodell PPP ist insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern langwierig. Intransparenz von Beschaffungsprozessen, zu geringe Anreizsysteme für die Privatwirtschaft gerade bei Langfristprojekten, fehlende internationale Guidelines und standardisierte Vertragswerke gehören zu den zentralen Herausforderungen. Es gibt noch viel zu tun, damit das Vertrauen in das Thema PPP wächst.

Erfahrene Finanzierer wie die KfW IPEX-Bank können hier eine wichtige Rolle spielen, um private Investoren und Betreiber bei diesem Beschaffungsmodell zu begleiten. Durch verlässliche Bankpartner kann deren Risikobereitschaft steigen.

Nur durch gegenseitiges Vertrauen, Verlässlichkeit und Transparenz kann die Gesundheitsinfrastruktur sich entwickeln und das gilt umso mehr für Orte, wo eine langfristige Versorgung dringend gebraucht wird. Wenn man an die Welt denkt, muss man langfristig denken – und gemeinsam, partnerschaftlich handeln.

Geoffrey und Thomas, vielen Dank für Ihre Gedanken!

Mehr Information (auf Englisch):

UN Sustainable Development Goals